
Landeskulturpreis für Bühnenkunst an Gerhard Gruber |

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann, werte Jury, liebe Preisträgerinnen, liebe Festgäste! |
| Ich befinde mich gerade in einer eher für mich ungewöhnlichen Situation - nicht nur wegen der Preisverleihung - normalerweise wird es nämlich 1. dunkel, wenn ich auftrete, und 2. wende ich dann meistens dem Publikum meinen Rücken zu. Ich freue mich über den heutigen Anlass, und ich freue mich über die Teilnahme von so vielen Menschen, mit denen ich auf verschiedenste Art und Weise Berührungspunkte hatte oder habe. Den wohl kürzesten Berührungspunkt mit hier Anwesenden hatte ich vermutlich mit dem Herrn Landeshauptmann. - Das war etwa mit 12 oder 13 Jahren (Anmerkung: Herr Pühringer war in der Klasse über mir). Ich dürfte ihn bei den Spaziergängen im Petrinum einmal so gereizt haben, dass er sich plötzlich umdrehte und mir einen Tritt verpasste, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist. - Ich habe diese Episode einem Bekannten erzählt, der dann meinte, vielleicht wäre der Preis eine späte Entschuldigung. - Wenn dem so wäre, müsste es allerdings auf dieser Welt Millionen von Preisverleihungen geben. Ich glaube aber auch, dass man tatsächlich manchmal einen Tritt braucht, um in die richtige Lebensrichtung gelenkt zu werden. ... Es gibt einen Ausdruck, der mir sehr gut gefällt: "zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein". - Schon für einen Musiker ist das sehr wichtig, nämlich "im richtigen timing die richtigen Töne zu finden", aber es lässt sich für das ganze Leben gut anwenden. Wenn man sein Leben von der Kindheit bis ins Alter betrachtet, dann ist einem Vieles vielleicht nicht einsichtig oder logisch. Es passiert oft, dass man auf seiner Wanderung durch die Lebenslandschaften plötzlich an einer völlig anderen Waldlichtung herauskommt, als man erwartet hat. So glaubte ich mit 10 Jahren in meiner Karl-May-Fantasie als Missionar nach Afrika zu kommen, gelandet bin ich im Internat. Ich glaubte mein Leben als Jazzmusiker zu verbringen, und herausgekommen ist nach 13-jähriger Unterrichtszeit das Theater. Nachdem ich als Kind die Stummfilme lieben gelernt hatte, dauerte es bis 1988, bis ich sie dann selber als Musiker begleitete. Rückwärts gesehen aber stellt sich heraus, dass eine Situation einfach meist Vorbereitung war für die nächste Lebensstufe und das Ganze ein sinnvolles Gebäude ergibt. Mir ist kürzlich aufgefallen, dass der Name des Theaters, für das ich meine erste Musik komponierte, durchaus schon die Richtung meiner Arbeits- und Denkweise ausdrückte, nämlich das "ZWISCHEN DEN ZEILEN THEATER" - also die Lust, zwischen den Zeilen zu lesen, auch mich gern hineinzuschleichen in die Worte, Situationen und Emotionen zu erriechen und in Musik umzuwandeln, mich nicht unbedingt auf der geraden Autobahn des Lebens zu bewegen, sondern eher die Nebenstraßen zu bevorzugen, manchmal auch ein Waldläufer zu sein, gerne auch zu verschwinden. Aber ich habe den Eindruck, dass das alles ganz gut für mich passt. Wenn ich mich also jetzt, sehr geehrter Herr Landeshauptmann, werte Jury, für diese heutige Auszeichnung bedanke, und bei euch, die ihr mich auf den verschiedensten Bühnen meines Lebens begleitet habt, dann möchte ich auch jener Intelligenz danke sagen, die mich - aus meinem Verständnis heraus - ganz klug gelenkt hat. Mir selber danke ich dafür, nie aufgegeben zu haben. Mein Beruf zwingt mich zu vielem Unterwegssein, und so ist es sehr wichtig, dass ich eine gute Basisstation habe. Und die habe ich in der Tat. Und so möchte ich von Herzen meinen Kindern Christoph, Raffael und Moritz danken, die ja das alles in all den Jahren mittragen mussten - und es war nicht immer rosig als Freiberufler - , und ganz besonders meiner Frau Eva, die so souverän sowohl meine Abwesenheit wie auch meine Anwesenheit meistert. Ein wichtiger Begleiter in all den Jahren, als Überlebensmittel und Gewürz, war der Humor, und so lade ich jetzt noch herzlich ein zu einem Kurzfilm mit Laurel und Hardy, in dem wir eine spezielle Sichtweise menschlichen Zusammenlebens erfahren werden. Ich bedanke mich und wünsche gute Unterhaltung! |
Laudatio von Norbert Trawöger
Glück auf, ja, Glück auf!
Künstlerinnen und Künstler arbeiten oft – so sehr sie auch auf die Bretter drängen, die die Welt oder sonst was bedeuten – in den Bergwerken unserer Gesellschaft. Manches erreicht dabei die Helle des Tages, ohne dass seine Beförderinnen und Entdecker je sichtbar werden.
Einer, der selbst wenn er inmitten einer Bühne sitzt, oft nur hörbar ist, ist Gerhard Gruber.
In einer Zeit in der wir vor allem von Bildern geleitet werden
- und so sehr Grubers Arbeit auch von Bildern inspiriert ist,
übersehen wir mitunter überhörend,
jene die im Schatten des theatralen Spotlights agieren.
Alles andere als eine dunkle Gestalt ist Gerhard Gruber,
erhellt er uns doch Filme, Theaterstücke mit seinen Klängen:
Eine klingende Lichtfigur des Stummfilms, ein leuchtender Klangmensch des Theaters,
der wie er sagt, ganz einfach von seinem Klavier aus wie im Prater an Schnüren zieht und mit etwas Glück eine Melodie erwischt.
Glück scheint er unentwegt zu haben:
Ein Hörbarer
stummen Bildern Klänge ablauschend,
und dabei macht Gruber, wie die große österreichische Autorin und leidenschaftliche Cineastin Ilse Aichinger über ihn sagt, jeden Film erst möglich und ihn zugleich unnötig. Wer seine Hände auf den beleuchteten Tasten sieht, schreibt Aichinger weiter, kann es riskieren, selbst Chaplin zu vergessen, um seiner Erinnerung an ihn aufzuhelfen. Sollte man sich bei Selbstvergessenen fragen, wie viel sie zu vergessen haben? ... Aber wer Gerhard Grubers Klavierspiel hört, ist wieder imstande, seinen Atemzügen zu trauen. (Zitat Ende)
Lieber Gerhard Gruber!
Um deine künstlerische Existenz näher auszuleuchten, dürfen wir nicht mehr nur wieder unseren Atemzügen sondern auch unseren Ohren, unseren Sinnen trauen lernen.
1951 wurdest du als jüngstes von acht Kindern in Aigen im Mühlkreis geboren und schon als Kind hast du deiner Heimatlandschaft mit dem Akkordeon, in hohen Frühlingswiesen sitzend, Klänge abgelauscht. Ungeschaut und zufällig kamst du vor mehr als 20 Jahren zum Stummfilm. Die 75 bis 90 Jahren alten stummen Filme sind neben dem Theater bevorzugte Entdeckungs - und Spielräume deiner Klangexistenz geworden.
Klavierspielend horchst du an Bildern, lässt dich von diesen treiben, schenkst ihnen und damit uns Gefühl und Hörbarkeit. Bist gleichzeitig da, um weg zu sein.
„Musik, die gut ist, nimmt man nicht mehr wahr“, sagst du
Die Wichtigkeit muss zur Unwichtigkeit werden.
Stummfilme waren dir schon in der engen Internatszeit Inseln der Klangseligkeit.
Die Musik lässt dich nicht mehr los. Ein Jazz-Studium führt dich an die Musikhochschule in Graz und doch bildest du dich gründlicher an den Rändern der Autodidaktik aus.
Komponieren ist für dich ein intellektueller Akt.
Improvisation ein Liebesakt.
„Die Bilder auf der Leinwand sind mein Notenblatt und ich lese es jeden Tag neu.“
Dein Weg führte dich über verschiedene Bands, dem Unterrichten, zu ersten Theatermusiken etwa für das heimische Theater Phönix, die Wiener Festwochen, das Theater an der Josefstadt, dem Volkstheater oder im intensiven Verbund mit dem Schauspieler Justus Neumann.
Anfang der 70er Jahre warst du mit Konzerten und Workshops Geburtshelfer des Jazztateliers Ulrichsberg - heute eines der heißesten Klangpflaster unseres Landes - und später Mitbegründer der Jazzabteilung der LMS Neuhofen an der Krems (1978-1987), von wo aus nach wie vor nachhaltige Pionierimpulse auf die OÖ. Jazzszene ausgehen.
2006 bekamst du mit dem Projekttheater Vorarlberg für HC Artmanns „How much, Schatzi?“ den begehrten „Nestroy“. Als gelbschnabeliger Wurlitzer Orgelspieler unter - und übermaltest du dabei genialisch das artmannsche Geschehen am Abgrund, wie ein Mozart der Bordelle.
Heute brichst du von Wels aus, wo du mit deiner Familie lebst, immer wieder in alle Himmelsrichtungen und Erdteile auf. Ob in Australien, Wien, Tokio, Neuseeland, dem Waldviertel, Hamburg oder Padua deine Klangarbeit kennt keine Grenzen und der Ruf nach dieser wird selbstredend nicht leiser.
Eben kommst du aus dem fernen österreichischen Westen zurück, wo du für das Vorarlberger Projekttheater die Musik zu einer Bettleroper geschrieben hast.
Die Vorarlberger Nachrichten subsumieren: „Und dass man kein Orchester und auch kein Kammerensemble braucht, wenn man mit Gerhard Gruber einen Komponisten hat, der den Schauspielern Juchzer und Schluchzer auf die Kehle schreibt und dazu in seiner Percussionskammer alle Töne und Melodien erzeugt, um das wilde Treiben entsprechend zu untermalen oder gar zu tragen, steht zudem gleich einmal fest.“, schreibt Christa Dietrich.
Jetzt vor allem:
„Glück auf!“ und
herzlichen Glückwunsch zum großen Bühnenkunstpreis unseres Landes!
norbert trawöger, 25. märz 2009 - www.traweeg.at

Fotos: R.Winkler |










